Methodisch und theoretisch wird das Projekt an aktuelle Standards der Forschungen zur Sprachkorrosion von L1 ansetzen (vgl. z.B. die Beiträge in Schmid et al. 2002 oder Seliger/Vago 1991). Unter Sprachkorrosion (language attrition) soll dabei mit Polinsky (1994, 1997) der (nicht durch physische Defekte bedingte) totale Verlust bzw. partielle Abbau der Sprachkompetenz in L1 verstanden werden, unabhängig davon, ob die Abweichungen von der L1 durch ihren unvollständigen Erwerb in der Kindheit (Typ ‚incomplete learners’) oder durch ein zeitlich progredientes Vergessen der zugrunde liegenden Strukturen (Typ ‚forgetters’) motiviert sind. Im vorliegenden Fall sind v.a. die Abweichungen relevant, die durch den Einfluss der dominanten Umgebungssprache Deutsch hervorgerufen werden.
Für die empirische Untersuchung müssen zunächst die Daten erhoben werden, da derzeit kein größeres Korpus des in Deutschland gesprochenen Polnischen zur Verfügung steht. Um trotz des begrenzten Zeitrahmens für das Projekt zu aussagekräftigen Ergebnissen zu kommen, soll vorwiegend mit elizitierten Daten gearbeitet werden. Hierzu sollen Querschnittsstudien zum polnischen Sprachgebrauch der Informanten angefertigt werden. Das Hauptaugenmerk des Projekts liegt damit auf einer qualitativen Analyse des Materials, quantitative Aspekte sollen nur beim Vergleich der Präsenz oder Absenz der untersuchten Strukturmerkmale zwischen den einzelnen aufgezeichneten Idiolekten eine Rolle spielen.
Die für das Projekt neu erhobenen Daten fallen in drei Kategorien: (1) Von jedem Informanten soll eine kurze Probe freier Sprechdaten erhoben werden. Dies soll im Rahmen kurzer (sprach)biografischer Interviews und Erzählungen über verschiedene Bereiche (Urlaub, Lieblingsbuch oder –film etc.) erfolgen; (2) Gezielt elizitierte Sprechdaten: Jedem Informanten soll eine Bildergeschichte vorgelegt werden, die mit eigenen Worten beschrieben werden soll. Dies soll gewährleisten, dass direkt vergleichbare Daten produziert werden; (3) Grammatikalitätsurteile: Jeder Informant soll zum Abschluss der Befragung mit Testsätzen konfrontiert werden, die er auf ihre Akzeptabilität beurteilen soll. Neben korrekten Testsätzen sollen im Sample auch Sätze enthalten sein, die in den hier relevanten Sprachbereichen (Morphologie, Syntax) Einflüsse aus dem Deutschen aufweisen.
Mit dieser Mischung dreier Verfahren soll eine möglichst schnelle und zielgerichtete Erhebung einschlägiger Daten gewährleistet werden. Zudem kann so ein Einblick nicht nur in die tatsächliche Sprachproduktion (Datentypen 1 und 2), sondern auch in das Wissen um die der Produktion zugrunde liegenden grammatischen Regeln (Datentyp 3) genommen werden. Damit wird sich die Frage beantworten lassen, ob die zu erwartende Reduktion des Systems nur die Performanz oder auch die Kompetenz der Informanten betrifft. Ist nur die Performanz betroffen, müssten die Informanten bei den Grammatikalitätsurteilen deutlich besser abschneiden.
Um Aussagen hinsichtlich der Hierarchie der vom strukturellen Abbau betroffenen Bereiche treffen zu können, ist ein kleines Kontrollkorpus notwendig, das Informanten umfasst, die ebenfalls aktuell in Deutschland leben, aber im Unterschied zu den restlichen Informanten einen gelenkten Spracherwerb in ihrer L1 Polnisch aufweisen, d.h. in Polen vollständig die Schule besucht haben.
Parallel dazu soll ein weiteres kleines Kontrollkorpus mit monolingualen Sprechern des Polnischen erstellt werden. Dies soll einen Einblick in die bei monolingualen Sprechern zu beobachtende Varianz in den ausgewählten morphologischen und syntaktischen Kategorien ermöglichen. Damit soll auch die Frage geklärt werden, welche Varianzen im Korpus der bilingualen Sprecher mit dem Einfluss des Deutschen erklärt werden können, und welche offenbar spezifische innersprachliche Entwicklungsprozesse widerspiegeln.
Strukturbereiche
Als mögliche Bereiche, auf die sich die Untersuchung konzentrieren wird, kommen folgende Phänomene in Frage:
- bei Substantiven Veränderungen des Kasussystems: Schwund im Deutschen nicht existenter Kasus außerhalb präpositionaler Wendungen bzw. Ersatz der synthetischen Kasusverwendung durch analytische Kombinationen aus Präposition + Kasus;
- Veränderungen im Ausdruck des Verbalaspekts;
- Abbau bzw. Umverteilungen im Bereich der Genera;
- Veränderungen in der Rektion von Verben nach deutschem Vorbild;
- häufige Verwendung des Personalpronomens in Subjektsposition in der pro drop-Sprache Polnisch;
- Ausbildung artikelähnlicher Funktionen beim Numeral jeden 'eins' und dem Demonstrativpronomen ten 'dieser';
- Einflüsse in der Wortstellung (z.B. Nachahmung der deutschen Satzklammer bei Kombination Modalverb + Infinitiv).
Sollte sich im Zuge der empirischen Untersuchung herausstellen, dass auch noch andere Strukturen in signifikanter Weise durch den Einfluss des Deutschen als Umgebungssprache von Veränderungen betroffen sind, so sollen diese selbstverständlich in angemessener Weise mit berücksichtigt werden.