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botanischer Name.: punica granatum; hebr.: rimôn / !AMrI; griech.: roai / r`o,ai; lat.: mala punica oder mala granata; engl.: pomegranate; franz.: grenade; ital.: melograna; span.: granado; türk.: nar
Botanische Detailinformationen zum Granatapfel bietet Franke, W.: Nutzpflanzenkunde : Nutzbare Gewächse der gemäßigten Breiten, Subtropen und Tropen, Stuttgart / New York 61997
Aus diesem Werk ist der folgende Abschnitt von S. 256-257 in wesentlichen Ausschnitten zitiert (im Original findet sich zusätzlich vor allem eine Strichzeichnung mit Aufsicht und Längsschnitt):
>>Punica granatum L. (Punicaceae) ...
Der den Myrtaceen nahestehende Granatapfelbaum ist nicht nur mit seinen großen orangeroten Blüten ein Ziergewächs, sondern liefert mit seinen Früchten ein geschätztes Obst. Vom Himalaya bis zum Mittelmeer beheimatet, wird er in allen tropischen und subtropischen Ländern der Erde angebaut. Wie zahlreiche Abbildungen und Skulpturen zeigen, war die Pflanze sowohl bei den alten Ägyptern als auch bei den Juden eine heilige Pflanze. Den Griechen galt der Granatapfel wegen der großen Samenzahl als Symbol der Fruchtbarkeit, und die Römer liebten ihn als "Punischen Apfel". Schließlich hat er der spanischen Stadt Granada, dem tödlichen Geschoß Granate und dem roten Halbedelstein Granat den Namen verliehen.
Der Strauch oder kleine Baum trägt immergrüne, lanzettliche Blätter und bringt aus deren Achseln einzelne große rote
Blüten mit zahlreichen Staubblättern und einem unterständigen Fruchtknoten hervor, der vom ausdauernden Kelch
bekrönt bleibt. Die Frucht ist botanisch bemerkenswert, weil hier ausnahmsweise 2-3 Wirtel von Fruchtblättern
übereinander in einer Frucht vereint sind und mehrere Fruchthöhlen entstehen. Am unteren Wirtel sind 3, an den
oberen 5-7 Fruchtblätter beteiligt. ...
Sie tragen zahlreiche erbsengroße Samen, deren Samenschale im äußeren Teil
(Sarcotesta) zur Reife hin fleischig saftig wird und den eßbaren Teil liefert, während der innere Teil der Samenschale
hart (Sklerotesta) ist. ... Das Perikarp, anfangs fleischig, trocknet später lederartig zu Trockenbeeren ein, die apfelgroß
werden und reif rot-gelb gefärbt sind. Man schneidet sie auf, entnimmt die Samen mit einem Löffel und saugt die
geleeartigen Teile der Samenschale, die angenehm säuerlich und erfrischend schmecken, aus, während die Samen
ausgespuckt oder mitgeschluckt werden. Heute wird der Saft (Grenadine) häufig industriell gewonnen, zu Marmelade
oder Sirup verarbeitet oder als "Sorbet" oder "Scherbet" eisgekühlt getrunken.<<
Neben den bereits im botanischen Abschnitt gegebenen Informationen über die Herkunft der botanischen Bezeichnung aus der römischen Benennung des „Apfels der Punier" ist für die Geschichte des Mittelmeerraumes wichtig, dass alle Völker dieser Region vielfach auf den Granatapfelbaum und seine Frucht Bezüge hergestellt haben.
Ausführliche Informationen dazu sind zusammengestellt bei
Muthmann, F.: Der Granatapfel, Symbol des Lebens in der alten Welt.- 1982
Für die biblische Archäologie ist besonders interessant, dass ein als Granatapfel geformtes Schmuckstück aus Elfenbein wiederentdeckt wurde. Möglicherweise handelt es sich um den einzigen erhaltenen Kultgegenstand des Ersten Tempels.
Der erste Tempelbau in Jerusalem wird in den biblischen Texten mit der Gestalt des
Königs Salomo (im 10. Jh. vuZ) verbunden, zerstört wird dieser Tempel bei der Einnahme
Jerusalems durch die Neubabylonier 587/6 vuZ. Ob es sich um einen Gegenstand aus
diesem Ersten Tempel handelt (so die Meinung von Avigad(1)) oder ob möglicherweise die
Fruchtbarkeitssymbolik des Granatapfels in den Kontext des Kultes der Göttin Ascherah
gehört, wurde diskutiert(2). Die auf dem Objekt befindliche Inschrift nennt zwar einen
Tempel (hebr. „Haus"), doch ist diese Angabe nicht eindeutig. Unsicher bleiben
Rückschlüsse so vor allem aus folgenden Gründen:
Aber auch trotz dieser Unsicherheiten läßt dieses Objekt fragen, wie das Symbol „Granatapfel" mit Formen der Religiosität zusammenhängt, die in der antiken Welt sehr eng mit Fragen der Leben-erhaltenden und -reproduzierenden Funktion von Fruchtbarkeit verknüpft sind Dass in biblischen Texten und ähnlich in der Umwelt der Granatapfel als kultischer Schmuck dient, ist durch die Archälogie ebenso wie durch biblische Texte als sicher vorauszusetzen.
"Granatapfel(baum)" (hebr. rimôn) begegnet in biblischen Texten in unterschiedlichen Zusammenhängen. Die Texte können grob in drei Gruppen eingeteilt werden, jenachdem ob sie 1. ganz konkret von der Pflanze bzw. Frucht handeln, ob sie 2. Schmuckgegenstände in der Form der Frucht beschreiben oder ob sie 3. in noch weiter übertragenem Sinn darauf Bezug nehmen.
| Baum und Früchte | Schmuckgegenstände | Übertragener Gebrauch | Zusammenfassung |
Ganz konkret ist an drei Stellen vom "Gelobten Land" und dessen üppiger Nahrungsversorgung die Rede. In der Erzählung von der 40jährigen Wüstenzeit sind es nach Num 13,23 die vorausgesandten Männer, die das verheißene Land erkunden sollen und die dort zuerst Bekanntschaft mit Weintrauben und Granatäpfeln machen. Davon bringen sie dem Volk Kostproben mit. Als jedoch der Aufenthalt in der Wüste dem Volk zu lange dauert, erhebt sich nach Num 20,5 der Unwillen darüber, daß sich diese guten Dinge nicht in der Wüste finden; noch viel weniger Wasser. - Umsomehr gehören für den Text im Dtn, der im Einzug in das Verheißungsland gipfelt, Granatäpfel zu den sieben ausdrücklich genannten Gaben des Landes. Nach Dtn 8,8 können sie mit bewirken, daß der Lobpreis gegenüber dem Geber nicht vergessen werden möge.
In der späteren Situation nach der Landnahme wird vom ersten König, Saul, eine Situation berichtet, in der er unter einem Granatapfelbaum sitzt (1Sam 14,2).
In prophetischer Mahnrede dagegen wird die unheilvollen Situation geschildert, daß auf dem Land kein Segen mehr liegt und Früchte ausbleiben - inklusive der Granatäpfel (Joel 1,12). Am Heiligtum bleibt in dieser Situation nur die Möglichkeit, Trauerriten zu begehen. - Nach dem babylonischen Exil kann der Prophet Haggai 2,15 dagegen die Grundsteinlegung des Zweiten Tempels als Anfang einer neuen Segenszeit vor Augen stellen. Die wieder zu erwartende Fruchtbarkeit des Landes sei für die Menschen das Zeichen, daß mit diesem neu wieder aufgebauten Tempel auch ein neuer Anfang im Verhältnis zu Gott möglich ist.
2. Der Granatapfel als Schmuck am Priestergewand und im Tempel
Einen König, an dem sich Heil und Unheil, Segen und Fluch für das Volk wesentlich entscheiden, gibt es nach dem babylonischen Exil nicht mehr. Dagegen spielt der Hohepriester jetzt eine zentrale Rolle am Zweiten Tempel. Zu dessen Schmuckstücken und Symbolen gehören nach den parallen Berichten in Ex 28,33f und Ex 39,24f Granatäpfel. Sie zieren das hochpriesterliche Gewand, wo sie abwechselnd mit Goldglöckchen den Saum bilden. Vermutlich sind sie ebenfalls aus einem Edelmetall (in der griechischen Übersetzung aus Silber) und erzeugen bei der Bewegung des Gewands gemeinsam mit den Glöckchen einen Klang. (Nach der Deutung in Sir 45,9 wird so die Aufmerksamkeit des Volkes geweckt).
Granatäpfel werden als Schmuck auch in Texten erwähnt, die rückschauend vom Bau des Ersten (salomonischen) Tempels (1Kön 7,15 und 1Kön 7,40 = 2Chr 4,11) handeln bzw. die von seiner Plünderung durch die neubabylonischen Eroberer berichten (2Kön 25,15 = Jer 52,19). Hier wird Bronze als kostbares Herstellungsmaterial für zwei Tempelsäulen und die zugehörigen Schmuckketten mit Granatäpfeln genannt.
3. Der Granatbaum, -apfel und -most in verschiedenen Sprachbildern
Die den göttlichen Segen verheißenden Frucht des Landes und der ähnlich symbolträchtige Schmuck läßt bereits eine Linie erkennen, wie von der Pflanze und Frucht im übertragenen Sinne gesprochen werden kann. Im Hohenlied sind solche Sprachbilder noch weitergehend vorausgesetzt, wenn in Hhld 4,1 und Hhld 6,5 die Geliebte in besonderer Weise mit einem Granatapfel verglichen wird; ähnlich wird "Frühlingserwachen" der Granatbäume als erotische Anspielung in Hhld 4,12 und Hhld 7,13 vorausgesetzt; Gabe von Granatapfelmost (Hhld 8,1) wird in dieser Reihe geradezu zum Inbegriff von Hingabe an den Geliebten.
"Granatäpfel" bezeichnen in der Bibel einerseits Frucht und Pflanze ganz konkret. Sie begegnen andererseits jedoch auch auf abgeleiteten Bezugsebenen, sei es, daß deren besonderen Qualitäten mit künstlerischen Ausdrucksformen in den Schmuckstücken abgebildet werden oder sie in der Liebespoesie zur Sprache kommen. Gerade diese beiden letzteren Ebenen sind wichtig, um zu rekonstruieren, daß das Wort "Granatäpfel" für damalige Menschen nicht nur das rein Gegenständliche bzw. das Nahrungsmittel bedeutet. Sicherlich ist damit nicht nur eine Ordnungsbezeichnung gemeint - wie etwa bei "punica granatum", sondern es kann davon gesprochen werden, um etwas auszudrücken, was über diese Ebene hinausführt. Zugleich mit angesprochen sind: Lebensgefühl und -deutung, allgemeinere Erfahrungen von Frucht und Fruchtbarkeit in Umwelt und Religion(/en), Hoffnungen auf gutes, gelingendes Leben/Lieben.
Diese symbolische Dimension wird daraus deutlich, daß auch über die Bibel hinaus "Granatäpfel" in ornamentalen Gegenständen aus der Region des "Gelobten Landes" erhalten sind (- ein beschrifteter Elfenbein-Granatapfel ist möglicherweise sogar das einzig erhaltene Objekt aus dem Ersten Tempel, siehe oben). Die Darstellungsformen verweisen ihrerseits auf den Horizont der Kulturen, die vor der Landnahme oder auch zeitgleich und später im Umfeld dieses geographischen Raumes Spuren hinterlassen haben. Für den Rückschluß auf die hinter den Bibeltexten stehende Lebenswirklichkeit ergeben sich wichtige Details von dort nicht mehr aufgenommenen jüdischen Texten. So sind etwa Einzelheiten der Erstlingsdarbringung am Zweiten Tempel - inklusive von Granatäpfeln - aus Qumrantexten (bzw. später der Mischna) zu rekonstruieren.
Weitere Hinweise auf Deutung und Bedeutung des Granatapfels bietet folgende Literatur:
- Avigad, N.: The Inscribed Pomegranate from the "House of the Lord".- in: H. Geva (Hg.): Ancient Jerusalem Revealed, [Israel Exploration Society] Jerusalem 1994, 128-137
- Keel, O.: Die Welt der altorientalischen Bildsymbolik und das Alte Testament : Am Beispiel der Psalmen.- 31984 (dort S. 144-145)
- Shanks, H.: The Pomegranate Scepter Head - From the Temple of the Lord or From a Temple of Asherah?.- in: Biblical Archeological Review 18,3 (1992) 42-45
1. Avigad, N.: The Inscribed Pomegranate from the "House of the Lord".- in: H. Geva (Hg.): Ancient Jerusalem Revealed, [Israel Exploration Society] Jerusalem 1994, 128-137.
2. Shanks, H.: The Pomegranate Scepter Head - From the Temple of the Lord or From a Temple of Asherah?, in: Biblical Archeological Review 18,3 (1992) 42-45